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Kindheitsträume

Urs Romitti / dubio 20.11.2013

Welches Kind hat sie nicht? Die grossen Kindheitsträume. So wie Grisu, der kleine Drache: „Ich will Feuerwehrmann werden!“ Ich wollte als Kind immer U-Boot-Kapitän werden. Ich weiss nicht einmal mehr woher das kam, es war einfach immer da. U-Boot-Kapitän - das Wort ist ja für ein Kind schon schwierig. Wenn man dann noch in einem Land ohne Marine aufwächst und zusätzlich noch untauglich für den Militärdienst ist, wird es wohl beinahe unmöglich. Beruflich hat es dann halt „nur“ für Buchhaltung und Steuern gereicht.

Grisu, der kleine Drache.

Mein zweiter „kleiner“ Kindheitstraum entstammt den Büchern von Harry E. Riesberg. Seinen Roman „Ich tauche nach Schätzen“ habe ich als Kind unzählige Male gelesen und mir dann jeweils vorgestellt wie es sein muss, in tiefem Wasser mit Riesenkraken, die dem Taucher den Luftschlauch abreissen wollen, zu kämpfen.  Hier kam dann 1986 das Sub-Team 76 ins Spiel. Mitten in meinen noch anhaltenden Sturm- und Drangjahren hat mir die Tauchausbildung und die im Team gelebte Kameradschaft sehr vieles gebracht. Einige hundert Tauchgänge, Ausflüge und Tauchsafaris, zum Teil noch unter archaischen Umständen, bleiben unvergessen. Herzlichen Dank an dieser Stelle an „meinen“ Tauchclub. Mit der Helmtauchausrüstung von Hans Gerber durfte ich im Bodensee sogar den Abenteuern von Harry E. Riesberg  nahe sein. Bekannterweise gibt es aber im Bodensee keine Riesenkraken und das ist gut so.

Hier könnte die Geschichte enden und alles ist gut. Wenn da nicht zwei ganz spezielle Weiber wären, die immer wieder mal mein Schicksal bestimmen. Mit der Einten bin ich schon ziemlich lange verheiratet und die Andere gehört noch länger zu meinem Leben. Die Andere war es übrigens auch, die mich 1986 ins Sub-Team geschleppt hat. „Hey, du wolltest doch immer tauchen. In den nächsten Tagen beginnt ein Kurs in Oberuzwil, wir gehen da zusammen hin!“ Befehl – Punkt. Tja, und so habe ich damals unsere Tauchlehrerin Erika kennengelernt und es schlussendlich bis zum Tauchlehrer gebracht.
Die zwei Weiber, nennen wir sie hier Jeanette und Astrid, haben sich also zusammengetan um meinen Lebensweg einmal mehr zu beeinflussen. Auch gehe ich davon aus, dass es meiner Frau irgendwann gereicht hat, wiederholt zu hören, dass ich eigentlich U-Boot-Kapitän werden wollte. Solche Äusserungen gebe ich nämlich dann von mir, wenn gerade alles Andere im Leben schief läuft. Um es kurz zu halten, - ich sollte also plötzlich ein U-Boot steuern.

Aus Anlass eines ziemlich runden Geburtstages wurde mir unter Anderem kundgetan, dass für mich eine U-Boot-Pilotenausbildung warte. Und zwar eine echte! Stattfinden würde das Ganze in Norddeutschland. Ich war sprachlos. Zwei Tage später habe ich die Flüge nach Bremen gebucht.

Das Operationsgebiet:

Kreidesee, Hemmoor, im norddeutschen Bundesland Niedersachsen. Hemmoor liegt beinahe unmittelbar am Nord-Ostsee-Kanal und ist in einer Autostunde von Bremerhaven aus erreichbar.

Kreidesee Hemmoor mit bestens ausgestatteter Tauchbasis und einem Campingplatz

rund 1,3 Km lang, 60 Meter tief mit allerlei "Attraktionen" unter Wasser

30'000 Taucher pro Jahr, leider auch jährlich 1 tödlicher Unfall

www.kreideseetaucher.de

Die Tauchbasis Kreidesee ist vielen Tauchern ein Begriff. Ursprünglich war der rund 1,3 Kilometer lange See ein Tagebau zur Kreidegewinnung für die Zementindustrie. Nach Einstellung der Kreidegewinnung 1976 liess man die Grube mit Grund- und Regenwasser volllaufen. Bekannt ist das bis 60 Meter tiefe Tauchgebiet durch die mittlerweile unter Wasser liegenden alten Industrieanlagen der Kreidegewinnung wie beispielsweise den Rüttler. Die Tauchbasis und der dazugehörige Zeltplatz werden seit 1986 von Holger geführt. Holger ist gleichzeitig Eigentümer des U-Boots Eurosub. Er und seine Mitarbeiter sind auch verantwortlich für die unzähligen sonstigen „Attraktionen“ unter Wasser wie beispielsweise ein sieben Meter langer weisser Hai, Flugzeug, LKW, Wohnwagen und vieles mehr. Jährlich verzeichnet die bestens auch für Tec-Diver ausgestattete Tauchbasis rund 30‘000 Taucher. Von der Temperatur  und von der Sicht her ist der Kreidesee mit unseren heimischen Seen vergleichbar. www.kreideseetaucher.de

Das Boot:

Mein Instruktor Stefan nennt es beinahe liebevoll „Lady Eurosub“. Das knallgelbe Boot ist für 3 Personen ausgerichtet und erreicht dabei Tauchtiefen bis 250 Meter. Es ist also kein Spielzeug wie die „U-Boote“ in den Touristenorten dieser Welt, sondern ein echtes Tauchboot für den Such- und Bergungseinsatz. Das in einer niederländischen Werft gebaute Boot verfügt denn auch über „echte“ Tauch- und Regelzellen wie sie von den U-Boot-Filmen bekannt sind. Der Innendurchmesser beträgt etwa 1,2 Meter was einem Kleinwagen entspricht. Das Platzangebot ist innen denn auch erstaunlich.  Gefahren wird unter Wasser nach Sicht. Der grosse Dom aus Plexiglas im Bug des Boots und die seitlichen Bullaugen bieten entsprechenden Ausblick. Vervollständig mit einem Echolot ist die Tiefe unter dem Boot auch im freien Wasser jederzeit ablesbar. Die 600-Liter-Tauchzelle und die 90-Liter-Regelzelle werden mit zwei aussen angebrachten Pressluftflaschen befüllt.

"Lady Eurosub"

Max. 3 Personen, Max. 250 M Tiefe, Prüfdruck ca. 500 Meter.

Keine Heizung!

Die Ausbildung:

Wir sind pünktlich am vermeintlich vereinbarten Tag vor der Tauchbasis. Leider werden die Gesichter zuerst einmal lang. Man hat uns am Vortrag erwartet. Anscheinend verstehen sich Norddeutsche und Österreicher nicht auf Anhieb am Telefon (N.B. der Österreicher ist in diesem Fall {m}eine Frau).  Nach längerem Suchen lässt sich auch Stefan finden, mein Instruktor. Etwas gestresst lernen wir uns kennen. Der Stress legt sich dann aber schnell. Das Boot ist grundsätzlich fahrbereit, befindet sich aber noch in der "Garage".

"Schon mal ein deutsches U-Boot ohne Bunker gesehen?"

...dazu lässt sich nicht mehr Vieles sagen...

Stefan zieht das Boot aus der "Garage"

 

Am ersten Tag bediene ich nur die Steuerung des Bootes. Mit der Funkfernbedienung lassen sich die zwei Elektromotoren an der Seite des Bootes einfach ansteuern (vorwärts, rückwärts, langsam, schneller). Die Neigung der E-Motoren kann über 2 Handhebel um 90 Grad verändert werden. Damit kann nach dem Abtauchen die Tauchtiefe zusätzlich geregelt werden. Mit gegenläufigen Propellern dreht sich das Boot auch auf der Stelle. Wäre ich doch nur in meiner Jugend oder auch später mehr von Computerspielen begeistert gewesen. Dann ginge es mit den zwei Joysticks doch erheblich geübter. Aber was soll's, ich bin nirgends reingedonnert.  Nebenbei, sich an Taucher unter Wasser lautlos anzuschleichen um dann nahe hinter ihnen die Scheinwerfer des Boots einzuschalten macht Riesenspass, zumindest für die U-Boot-Fahrer.  Nach gut 2-3 Stunden UW-Fahrt in ziemlicher Anspannung bemerke ich die Kälte im Boot. Aufgrund der enormen Energieanforderung an die Akkus wird auf eine Heizung während der Fahrt verzichtet. Und gegen Ende Oktober ist der Kreidesee nicht wärmer als der Bodensee.

Am späteren Nachmittag kehren wir dann zum "Bunker" zurück. Wir schliessen die Akkus an den Strom an und installieren eine kleine Lüftung auf dem Dom des Bootes. Damit kann es über Nacht etwas austrocknen.

Sicht aus dem vorderen Dom mit Sicht auch auf das Metallgestänge zum Schutz des Plexiglasdoms. Die Rückspiegel sind hilfreich zur Motorenüberwachung. Rechts oben der Tiefenmesser (mit 5 Meter-Einteilung). Rechts vom Tiefmesser Neopren-Socken gegen kalte Füsse.

Am nächsten Tag bin ich pünktlich wieder an der Basis. Zuerst füllen wir die Pressluftflaschen mit 200 bar. Dann passen wir noch den mitgeführten Ballast in Form von Bleiplatten an. Was soll ich dazu sagen, als Stefan mich auffordert eine Platte mehr als gestern auszuladen. Anscheinend merkt er ziemlich schnell, wenn ein Passagier oder angehender Pilot mit seiner Gewichtsangabe 5 Kilo abrundet! Nach der Inbetriebnahme  und zwei Paar nassen Schuhen fahren wir über Wasser zu einer Stelle im See die circa 10 Meter tief ist. Hier übe und übe ich dann das Abtauchen, das Tarieren (funktioniert genau gleich wie beim Tauchen) und das Auftauchen mit Hilfe der Tauch- und Regelzelle. Toll, dass die Ohren bei dieser Übung nicht gestresst werden. Im Druckkörper des U-Boots herrscht bekanntlich immer Oberflächendruck. Das Bedienen der Zellen und das Tarieren machen echt Spass. Gleichzeitig muss ich die Sauerstoff-Zufuhr überwachen (permanenter O2-Fluss mit CO2-Atemkalk-Absorber). Der O2-Ananlyser piepst allerdings hilfreich, wenn ein Sauerstoffüberschuss oder -mangel herrscht. Ein einfacher Fish-Finder hilft beim Abtauchen, die Tiefe unter dem Boot zu bestimmen. Sehr sinnvoll, kann er doch helfen, einen Aufschlag auf Grund zu verhindern.

Hebel zum Anblasen von Tauch- und Regelzelle. Linke untere Bildhälfte: Sauerstoff-Zufuhr. Rechts unten: Fish-Finder. Nicht im Bild: Bedienhebel für Entlüftungsventile der Tauch- und Regelzelle.

 

Nach dem vielen Auf und Nieder geht es dann auf grosse Fahrt. Ich muss jetzt also gleichzeitig die Motoren an der Funkfernsteuerung bedienen, die Motorenstellung über die grossen Handhebel beachten, wenn ich während der Fahrt sinke oder steige, mit der Regelzelle tarieren und auch noch versuchen, das nervige Piepen des Sauerstoff-Analysegeräts auszuschalten. Durch das Adrenalin im Körper werden hilfreich andere Funktionen runtergefahren und ich kann auf die Notfall-Pinkeleinrichtung an Bord (ein Plastikgefäss) verzichten. Als Unterstützung navigiert Stefan und gibt die Richtung an. Nach 3-4 Stunden bin ich fix und foxy. Die Konzentration lässt stark nach und wir tauchen auf. Wir sind in der hintersten Ecke des Sees angekommen und machen uns an der Oberfläche bei strömendem Regen auf die gut 1 Kilometer lange Rückfahrt. Das mit dem Regen und der Oberflächenfahrt ist auch so eine Sache. Lasse ich den oberen Dom offen, werde ich nass. Schliesse ich den oberen Dom und schaue durch das Plexiglas hinaus, beschlägt der Dom und ich fahre blind. Umso mehr, wenn ich mich gleichzeitig noch mit meinem Instruktor unterhalte. Entweder also nass oder halbnass und halbblind. Ziemlich erschöpft zurück an der Basis, helfe ich dann natürlich wieder das Boot zu "bunkern", am Strom und an der Lüftung anzuschliessen.

Nach einem kurzen Abschluss-Briefing darf ich dann von Holger und Stefan mein Zertifikat als U-Boot-Pilot entgegennehmen. Die grosse Freude darüber kommt aber erst am Abend in Bremerhaven. Zu kalt war es mir und zu müde war ich während der Übergabe.

Nein, kein Kapitänspatent für Atom-U-Boote, aber ein Pilotenschein für das Eurosub. Macht riesig Spass und ist auch ziemlich einmalig (bisher 3 mal in der Schweiz).

Mehr  Details unter:

www.eurosub.org

 

Das Drumherum:

Der Norden Deutschlands ist mir ausserhalb Hamburgs nur wenig vertraut. Umso überraschter war ich von den Städten Bremen und Bremerhaven (schreibt sich tatsächlich mit „v“).  Die freie Hansestadt Bremen mit seinen rund 200‘000 Einwohnern verfügt über eine sehr schöne Innenstadt. Ein Teil des Markplatzes ist UNESCO-Welterbe. Die „Schlachte“, eine kurze Bummelmeile entlang der Weser lädt zum Verweilen in Restaurants und Biergärten. Bremerhaven, halb so gross und ungefähr 60 Kilometer nördlich von Bremen, hat beeindruckende Hafenanlagen und verfügt über das grösste Schifffahrtsmuseum in Deutschland. Im Aussenbereich des Museums liegt zudem die „Wilhelm Bauer“ (ehemals U-2540) zur Besichtigung, das einzige noch existierende deutsche U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg der Klasse XXI und damit Begründer der modernen U-Boote. Beide Städte zusammen sind für einen Kurztrip absolut empfehlenswert, auch wenn nicht gerade eine U-Boot-Ausbildung ansteht. Allerdings etwas maritimes Interesse sollte schon vorhanden sein.

Erste Trockenübungen an der E-Maschine der "Wilhelm Bauer", ehemals U-2540, in Bremerhaven.

 

U-Boot-Kapitän bin ich nicht geworden. Aber «U-Boot-Pilot » des Eurosub.  Das Eurosub ist auch nicht ganz das U-Boot meiner Kindheitsträume. Es fehlen beispielsweise das Seerohr und die Torpedorohre. Aber ohne wenn und aber! Mit diesen ganz kleinen Einschränkungen ist mein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Ein riesengrosses Dankeschön an meine Frau, an Astrid und an alle beteiligten Freunde, die als Sponsoren aufgetreten sind. Es war und ist einfach gigantisch.

 In diesem Sinne wünsche ich allen:

"Langes Leben und fette Beute. Mögen eure Träume in Erfüllung gehen!"

Urs Romitti /dubio

NB:

Holger und Stefan von der Tauchbasis Kreidesee würden das Eurosub auch für ein Wochenende in die Schweiz bringen. Beispielsweise für Tauchfahrten im Bodensee. Dazu braucht es aber mindestens 10 Leute, die bereit sind, für eine Stunde Tauchfahrt rund 200 Franken zu bezahlen. Sollte der Wunsch von so vielen Leuten vorhanden sein, würde ich die organisatorischen Vorabklärungen treffen. Interessenten für eine solche Tauchfahrt im Jahr 2014 können sich bei mir via E-Mail melden: urs.romitti@subteam76.ch. Versprechen will ich aber an dieser Stelle nichts.