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Der tiefe Süden ruft - Tauchsafari Rotes Meer 2018

Jörg Augustin 06.07.2018

Genau 6111 Tage nach dem letzten Tauchgang im Roten Meer weht mir der warme Wüstenwind um mein schütteres Haar. Ich bin angekommen. Nachdem diesmal niemand verschlafen hat und alle Ihre Reisepässe auf Anhieb finden, stehen wir vor dem Flughafengebäude in Hurghada und warten... Halb so schlimm. Wir Schweizer haben bekanntlich die Uhren und die Ägypter die Zeit. Und davon hat insbesondere unser Busfahrer reichlich. Das neue Flughafengebäude wirkt auf mich etwas trostlos. Modern, gross, sauber und fast menschenleer. Nicht einmal die geschäftigen Gepäckträger vom alten Flughafen, die einem damals die Taschen beinahe aus den Händen rissen, sind zu sehen. Vermissen tut sie eigentlich niemand, oder? Leider stehen auch keine Gepäckwägeli herum. Diese haben  wahrscheinlich die Gepäckträger mit nach Hause genommen. So muss ich meine prähistorische Tauchtasche mangels Rädli zum Bus buckeln. 

Nach dreistündiger Busfahrt an linksseitig fast menschenleeren Hotelanlagen und rechtsseitig noch leererer Wüste treffen wir in Port Ghalib ein. Vor dem verwaisten Liegeplatz warten wir gespannt auf unser Boot. Zwischenzeitlich werden wir von unserem Tauchguide Sven freundschaftlich begrüsst. Man kennt sich schliesslich - ich noch nicht. Nachdem schlussendlich auch die Sea Serpent mit viel Dieselgestank angelegt hat, beginnt das obligatorische Einpuffen. Mein erster Eindruck: Fast ein Quantensprung gegenüber meiner letzten Tauchsafari. Eine einzige Dusche für alle Gäste scheint heutzutage definitiv unerwünscht zu sein. Soweit ich mich erinnern kann, hat auch das Warmwasser nicht für alle gereicht. Taucher sind eben keine Warmduscher. Sven informiert uns nach dem Abendessen über das Leben an Bord und die Tauchplätze. Auf Nöbis Wunsch verpackt er alles in eine halbstündige Kurzversion. Wie lange haben eigentlich die letzten Normalversionen gedauert? Durstig begeben wir uns danach aufs Oberdeck zur “Atrinkete“ und dabei nutzen Einige wie immer die Gelegenheit, sich dort gemütlich für die Nacht einzurichten und unter dem traumhaften, nicht lichtverschmutzten Sternenhimmel einzuschlafen. Gegen Morgen geht's dann los Richtung Süden zum Sha'ab Marsa Alam. Den frühmorgentlichen Checkdive absolvieren wir ausgerechnet beim Wrack der "Legend", einem 2001 abgesoffenen Tauchboot! Der Gag auf dem Meeresgrund: Die leichte Strömung deckt einen Tisch durch Herumrutschen von Geschirr und Flaschen immer wieder anders.

 

Kaum ist es Mittag und der erste "richtige" Tauchgang am etwas südlicher gelegenen Habili Radir passé, werden die Zodiac's eilig an Bord gezerrt. Es darf keine Zeit verloren gehen, denn vor uns liegt eine lange, seeehr lange Fahrt in den Süden. Ca. 15 Stunden später ankern wir vor der Sudanischen Küste, am südlichsten Punkt unserer Reise. Am Riff Abu Fendera ist weit und breit kein anderes Tauchboot zu sehen. Der Massenbetrieb ist hier (noch) nicht angekommen. Während 3 Tages- und einem Nachttauchgang tauchen wir vor allem um und auf den Habili's, was freiübersetzt Ungeboren heisst. Diese Korallenblöcke befinden sich im Wachstum und können meist nur bei optimalen Wetterbedingungen angefahren werden. Das Riffdach endet etwa 5 m unter der Wasseroberfläche und hat uns traumhafte Licht- und Farbenspiele beschert. Beim Blick ins Blaue erblicken die geübten Taucheraugen die ersten ausgewachsenen Weissspitzen-Riffhaie und meine weniger geübten Taucheraugen nur ein kleineres Exemplar in einer Höhle. Büffelkopf-Papageienfische und Napoleons in allen Grössen präsentierten sich danach auch dem gemeinen Tauchervolk. Über Nacht geht’s dann während einer recht schaukligen Überfahrt bereits wieder zurück Richtung Norden, zu den St. John's Riffen Gota Kebir und Gota Soraya. Bei diesen Gota's - ovale oder kreisrunde Riffe - sichten leider nicht alle den ersten Longimanus (nach Meeresforscher Cousteau die gefährlichste Hai Art für den Menschen). Auf der Westseite des Gota Soraya befindet sich zudem eine witzige Korallenformation mit eindeutiger Darstellung der Manneskraft. Idealerweise bietet sie sich als unübersehbarer Wendepunkt des Tauchganges an. Der eigentliche Star des Tages ist eine fressende Karettschildkröte. Durch Ihre schlechten Tischmanieren verursacht sie eine schon von weitem sichtbare Sandwolke. Damit wir angesichts des Seeganges etwas langsamer fahren können und es dadurch für Edi Wagner nicht so schaukelt, würde Sven am liebsten gleich die Fahrt für den weiteren Rückweg über Fury Shoal antreten. Wir überstimmen Ihn (fast) einstimmig, damit noch ein Halt bei St. John's Paradise, auch St. John's Caves genannt, drin liegt. Wie der Name schon verrät, besteht das Riff aus einem einzigartigen Tunnel- und Kavernensystem. Dort entdecken wir einen Fisch, den wir erst nach längerem Studium der Bordliteratur benennen können. Sein Name: Rockmover, klar. Kennt doch jeder. Am nächsten Tag besuchen wir im Fury Shoal Riffgebiet die berühmtesten Sha'abs  (langgezogene Riffe) Maksour und Claudio. Am Sha'ab Maksour (Sha'ab Maksour = Riff kaputt) entscheiden sich meine Buddies Christoph und Walti, anstatt der Zodiac-Nordplateau-Tour das Südplateau zu betauchen und sichten dort prompt einen Manta. Deshalb wollen die neidischen Nordplateau-Touristen nach dem Mittagessen unbedingt auch noch am Südplateau tauchen. Sie werden nicht enttäuscht. Der Manta gibt sich wiederum die Ehre.

Fast in der Nachbarschaft liegt das Sha'ab Claudio. Es macht Spass, durch das teilweise enge Höhlensystem mit den sagenhaften Lichteinfällen und anschliessend rund um‘s Riff zu tauchen. Dort soll sich ein berüchtigter Napoleon tummeln, der es lieben würde, an den Zugseilen der Ablassventile zu ziehen. Gemäss Sven wurde das Riff von einer französischen Tauchlehrerin Namens Claudia entdeckt. Das Riff heisst im patriarchalischen Ägypten natürlich Claudio. Am nächsten Morgen um 6.15 Uhr am Steilwandriff Gota Sha'ab Sharm: Drei Schiffe vor Ort, ein Viertes auf der Zielgeraden. Wir sind zurück bei den

Rudeltauchern mit den Alu-Torpedos auf dem Rücken. Am Nachmittag am Sha'ab Marsa Alam wird es dann wieder ruhiger. Das Riff mit dem Wrack kennen wir ja schon vom Checkdive. Diesmal tauchen wir ab Zodiac vom Norden aus durch den prächtigen Korallengarten. Während des Tauchganges höre ich Delfine pfeifen und schnarren. Scheint‘s bin ich der Einzige, der diese Geräusche wahrnimmt. Ich habe den Hör-, aber nicht den Sehtest bestanden. Alle ausser mir haben die Delfine nämlich auch gesehen. Auf dem Weg Richtung Abu Dabab erleben wir Kitschfaktor pur. Eine Delfingruppe begleitet unser Boot ein Stück weit im Sonnenuntergang! Diesmal sehe sogar ich sie, wenn auch nur vom Boot aus. Abu Dabab, ein Tauchplatz mit vielen Korallentürmen in einem zauberhaften Korallengarten. Beim Nachttauchgang sollen gleich haufenweise Spanische Tänzerinnen gesichtet worden sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So richtig Gas gibt dann die Crew beim obligaten Captn's-Dinner mit Truthahn. Der Bratengeruch durchzieht das Boot bereits den halben Nachmittag. Mit einfachsten Mitteln werden Tischkerzli hergestellt, die eine schon fast weihnächtliche Atmosphäre in die Messe zaubern. Bastelanleitung nach Gerda Conzetti: Weinglas halb mit Wasser füllen und Lampenöl dazu giessen. Teebeutelhalter-Papierli (funktioniert nur mit Lipton's) durchlöchern und einen Docht durchziehen - anzünden - fertig. Richtig stimmig, nachdem die grellweisse LED-Deckenbeleuchtung ausgeschaltet wird. Nachteil der Show: Den Wein zum Essen müssen einige von uns aus Plastikbechern geniessen. Generell hat die Küchenmannschaft eine Top-Leistung abgeliefert und viele Gerichte haben uns zuliebe auch einen etwas europäischen Touch. Für meinen Geschmack hätte es noch ein bisschen mehr Fisch sein dürfen, wenn wir sie denn schon die ganze Zeit überfahren.

Elphinstone. Für viele Taucher DAS magische Wort, benannt nach einem englischen Lord und einer DER Highlights des Roten Meeres. Der britische Adel war sich damals gewohnt, dass mindestens eine Ägyptische Stadt Ihren Namen trägt. Pech für Eure Hoheit; es war nur ein Riff. Aber was für Eines. Tief abfallende Steilwände und eine hohe Wahrscheinlichkeit, auf dutzende Rudeltaucher und einige Grossfische zu treffen. So kann auch Nöbi seinen Hammerhai abhaken und alle bekommen einen, wenn auch leicht havarierten Longimanus zu Gesicht. Beim Abschlusstauchgang ist die berüchtigte Elphinstone-Strömung schwächer als gewöhnlich, dafür der Wellengang umso stärker. Eine kleine Herausforderung, mit dem  ganzen Gerümpel das Zodiac zu besteigen.

Und dann ist da noch die Geschichte von Michi und dem Hai. Kurz nacherzählt: Buddies verloren - Boot nicht gefunden - Markierungsboje gesetzt. Die ganze Szenerie findet ein Longimanus extrem interessant. Michi auch, aber nur bis zu dem Moment, als das neugierige Tier nach der Bojenleine schnappt. Michi's Herz rutscht durch den 3mm-Anzug nach unten. Gemäss seiner Erzählung kann er im letzten Moment von der "Bestie mit den Haken im Maul" durch eine fremde! Zodiacbesatzung gerettet werden.

Traditionell wird am letzten Abend der "Bunte Abend" zelebriert. Bunt ist dabei vor allem die Fauna und Flora, welche uns Sven mit seinen atemberaubenden Fotos und Mohamed mit einem professionell hergestellten Video von unserer Safari präsentiert. Darauf kann man auch den einen oder anderen Unterwasser-Star bestaunen, wie er mit viel Fingerspitzengefühl und einem kleinen Lämpli in eine noch kleinere Höhle zündet. Zum Schluss des Abends bedankt sich Marcel auch in unserem Namen bei der gesamten Crew und zeigt sich erleichtert, dass die Reise unfallfrei verlaufen ist. Unfallfrei? Naja, ich habe immerhin meinen grossen Zeh verstaucht. In der Dusche ausgerutscht und gegen die WC-Schüssel gedonnert. Und durch Ohren-Unpässlichkeiten haben einige von uns auch auf den einen oder anderen Tauchgang verzichten müssen - alles noch im grünen Bereich.

In der Nacht fahren wir weit, gaaanz weit nach Norden. Diese Tauchsafari könnte getrost in die Annalen des SubTeams eingehen mit dem wahrscheinlich höchsten Dieselverbrauch. Nach dem Ausbooten in Hurghada werden wir zügig durch die Stadt, welche immer noch wie vor 17 Jahren gleich blitzblank sauber geputzt ist ;-), zum Flughafen geshuttelt. Zufrieden und müde kommen wir in Kloten an. Ich zudem mit knurrendem Magen. Das von Edelweiss servierte Züri-Geschnetzelte hätte locker in einen Joghurtbecher gepasst. Spardruck überall. An dieser Stelle nochmals ein riesiges Dankeschön an Marcel für die rundum perfekte Organisation, an Guide Sven für seine lockeren und kompetenten Briefings, der ganzen Crew und natürlich allen Zodiacpiloten, dass sie uns immer wieder aufgespürt und gesund zum Boot zurückgebracht haben. So wird auch die nächste Safari 2019 in den hohen Norden des Roten Meeres bestimmt wieder zu einem fantastischen Erlebnis.

Jörg, genau 6100 Tage nach dem letzten Bericht vom Roten Meer